BerlinBiodiversitätBiologische VielfaltDeutschDeutschlandFlechtenUmweltbildung

Die Berliner Flechtendiversität auf Italienisch untersuchen?

Im Jahr 2011 wurde die Idee geboren, ein Umweltbildungsprojekt auf Italienisch durchzuführen, in dem die Flechtendiversität von Berlin untersucht werden sollte. Das Projekt wurde am Albert-Einstein-Gymnasium angeboten, einer bilingualen (deutsch/italienischen) Staatlichen Europa-Schule, die sich in der Nähe vom Park Schloss Britz im Bezirk Neukölln befindet. Viele Fächer werden in der Schule auf Italienisch unterrichtet, u.a. auch Biologie, und die Schüler haben die Möglichkeit, in diesem Fach eine Abschlussprüfung auf Italienisch zu machen.
Das Projekt wurde zum ersten Mal im Frühling 2011 mit den Schülern einer 11. Klasse durchgeführt und im März 2012 und Mai 2013 mit zwei weiteren 11. Klassen wiederholt. Finanzielle Mittel wurden zweimal vom Umweltamt Neukölln und 2013 von der Bayer Stiftung zur Verfügung gestellt.

parchimer-allee berlin_alberi

Welche Ziele verfolgt das Projekt?

  • den Wert der biologischen Vielfalt im Stadtgebiet wahrnehmen
  • Organismen erkennen, die normalerweise übersehen werden
  • Artenkenntnisse erhalten
  • lernen, was eine Symbiose bedeutet
  • die Arten mit Hilfe von traditionellen dichotomen oder online interaktiven Bestimmungsschlüsseln identifizieren
  • moderne Monitoringmethoden kennenlernen und Kenntnisse über die Luftverschmutzung und die Luftqualität erhalten
  • lernen, wie digitale Bilder und Daten ausgewertet werden
  • neue Fachbegriffe auf Italienisch lernen

Neukölln liegt im südlichen Teil von Berlin auf einer Fläche von 44,9 km2 und beherbergt ca. 323.000 der 3,5 Millionen Einwohner der Stadt (Quelle: Wikipedia: Neukölln). Berlin weist ein kontinentales Klima auf mit einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von ca. 8,9 °C und mittleren jährlichen Niederschlagsmenge von ca. 580 mm (Quelle: Wikipedia: Berlin). Wie sauber ist die Luft in Berlin? Mehrere Stationen des Berliner Luftgüte-Messnetzes messen regelmäßig die Luftkonzentration von Schwefeldioxid (SO2), Stickstoffdioxid (NO2), Kohlenmonoxid (CO), Benzol und Ozon (O3) sowie Feinstaubstaub (PM10) und Ruß. Während die Konzentrationen von Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid und Benzol in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind, bleiben die Werte für Stickstoffdioxid, Ozon, PM10 und Benzpyren hoch und stellen ein Problem dar. Die Senatsverwaltung Berlin hat sich vorgenommen, die Werte dieser Schadstoffe deutlich zu senken, um die Luftqualität zu verbessern. Quelle: Stadtentwicklung Berlin

Die Untersuchung der Flechtendiversität wurde in drei Tagen intensiver Arbeit durchgeführt, unter Koordination einer Biologie-Lehrerin (Frau Monica Koch-Pirisi) und einer Flechtenspezialistin (Dr. Luciana Zedda, BIO-Diverse).

1. Tag. Am ersten Tag wurde eine Einführung in die Flechtenkunde, in die Methoden der Gelände- und Laborarbeit, der Langzeitbeobachtung (Monitoring) sowie der Datenauswertung mit Hilfe einer PowerPoint-Präsentation gegeben. Nach dem theoretischen Unterricht, wurden, während eines ersten Ausfluges in der Nähe der Schule, alle möglichen Substrate mit Lupe untersucht, auf denen Flechten wachsen. Mehrere Arten wurden in Alleen, im historischen Park des Schlosses Britz und in einem nahliegenden Bauernhof auf verschiedenen Bäumen beobachtet (Linde, Birke, Ahorn usw.) sowie auf Mauern, Bürgersteigen usw.

osservazione-licheni_small1 rilievo_02

2. Tag. Am zweiten Tag wurden weitere Ausflüge in den Alleen und im Park durchgeführt, um Flechten zu beobachten und zu sammeln. Nach einer kurzen Einleitung über die Beobachtungs- und Sammlungsmethoden der Flechten, konnten die Schüler selbständig Arten sammeln und Aufnahmen mit verschiedenen Kartierungsmethoden für die ökologische Langzeitbeobachtung (Bestimmung des Luftgüte-Indexes, Folienverfahren, digitale Fotografie) durchführen. Am Ende des Tages wurden die gesammelten Proben in der Schule präpariert und konserviert.

3. Tag. Die gesammelten Arten wurden im Labor mit Hilfe von optischen und Stereomikroskopen sowie mit Reagenzien bestimmt. Es wurden sowohl traditionelle dichotomische Bestimmungsschlüssel (Kirschbaum & Wirth 2010; Tretiach 2001) als auch online interaktive Schlüssel in italienischer Sprache verwendet (LIAS light, Dryades). Die Ab- und Anwesenheitsdaten der Arten wurden in Excel-Tabellen eingegeben, zusammen mit Informationen über deren Umwelt, die untersuchten Bäume und die Exposition. Die Digitalaufnahmen wurden mit dem freeware Programm Multispec ausgewertet.

Ergebnisse und Schlussfolgerungen. Die Schüler zeigten sich an den behandelten Themen sehr interessiert, v.a. fanden sie die praktischen Aspekte des Projektes sehr spannend. In wenigen Unterrichtsstunden waren sie schon in der Lage über 20 Flechtenarten zu bestimmen.

licheni identificazione-licheni

Liste der gesammelten Arten:
1. Bacidina neosquamulosa (Aptroot & Herk) S. Ekman
2. Caloplaca holocarpa (Hoffm.) A.E. Wade
3. Candelariella reflexa (Nyl.) Lettau
4. Chrysothrix candelaris (L.) J.R. Laundon
5. Hyperphyscia adglutinata (Flörke) Mayrhofer & Poelt
6. Lecanora conizaeoides Nyl. ex Crombie
7. Lecanora expallens Ach.
8. Lepraria lobificans Nyl.
9. Lepraria incana (L.) Ach.
10. Melanelixia subaurifera (Nyl.) O. Blanco et al.
11. Oxneria fallax (Arnold) S.Y. Kondr. & Kärnefelt
12. Parmelia sulcata Taylor
13. Phaeophyscia insignis (Mereschk.) Moberg
14. Phaeophyscia orbicularis (Neck.) Moberg
15. Physcia adscendens (Fr.) H. Olivier
16. Physcia dubia (Hoffm.) Lettau
17. Physcia tenella (Scop.) DC.
18. Xanthoria candelaria (L.) Th. Fr.
19. Xanthoria parietina (L.) Beltr.
20. Xanthoria polycarpa (Hoffm.) Rieber

Es war v.a. sehr interessant, die Veränderungen der Flechtengesellschaften der letzten 15-20 Jahren zu beobachten. Flechtenkartierungen zur Bestimmung des Luftgüte-Indexes, die in Berlin in den neunziger Jahren durchgeführt wurden, hatten Flechtenwüsten bzw. lediglich das Vorkommen von Lecanora conizaeoides (heute selten geworden) auf Bäumen in Parks und Alleen von Berlin nachgewiesen. Aktuell findet man eine größere Flechtenvielfalt, speziell von sogenannten nitrophilen Arten, die v.a. auf Bäumen in stark befahrenen Alleen als Zeiger für Stickstoffverschmutzung zu finden sind  (Phaeophyscia, Physcia, Hyperphyscia und Xanthoria).

elaborazione-rilievi

Bemerkungswert war der Wiederfund von Bacidia neosquamulosa, eine Art typisch für basische Substrate,± mit Stickstoffen angereichert, welche sich seit einigen Jahren in Zentraleuropa ausbreitet, in Folge des Rückgangs von SO2 in der Luft. Diese Erfassung ist eine der ersten in Berlin. Im Park des Schlosses Britz wurden stattdessen vorwiegend Lepraria-Arten gefunden.

Die gesammelten Daten wurden von den Schülern während der Biologie-Unterrichtsstunden weiter ausgewertet.

Literatur:

Kirschbaum, U. & Wirth, V. (2010): Flechten erkennen – Umwelt bewerten. Hessiches Landesamt für Umwelt und Geologie.

Sipman, H. & Aptroot, A. (2007): Beitrag zur Kenntnis der Flechtenflora des Landes berlin. Verhandlungen des Botanischen Vereins von Berlin und Brandenburg 140: 101-117.

Sipman, H., Leuckert, C. , Otte, V. Knoph, J.-G. & Rux, K.-D. (2004): Die Flechten in Willdenows „Florae Berolinensis Prodromus“ und ihr Vorkommen im heutigen Berlin. Feddes Repertorium 115(1-2): 121-133.

Tretiach, M. (2001): Chiavi analitiche per l’identificazione dei più comuni licheni epifiti d’Italia [Internet]. [Last visited 2013, 20-05]. Available from: http://www.liceococito.it/ricerche/licheni/filecd/chiaviTretiach.pdf

To be cited as:
Zedda L., Koch-Pirisi, M. (2013) Die Berliner Flechtendiversität auf Italienisch untersuchen? Available from: BIO-Diverse_Blog, http://blog.bio-diverse.de/?p=149

___________________________________________________________________________________

Dieses Projekt wurde im April 2014 als Beitrag zur UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet:
BV_Beitrag_Banner_Internet_2014